Montag, 15. Juli 2013

Tod und Sterben in L.H.

Gerade erst freut man sich noch über diese seltenen Momente des Glücks, in denen man erfährt, dass ein Kino erÖFFNET hat: So geschehen vor wenigen Monaten in Frankfurt am Main. Und es ist sogar ein Luxuskino!

Oder über die überraschende Neuigkeit, dass ein Kleinstadtkino mit nur einem Saal es schafft, die Digitalisierung und damit sogar den 3D-Zauber vor die Tore der Großstadt zu bringen. Zartfühlenderweise hat man dort sogar den guten alten 35mm-Projektor als Ausstellungsobjekt belassen, um auch mit jenen Frieden zu schließen, die ob des analogen Abschieds ein bisschen weinen wollen.

Doch plötzlich: Da ist er wieder, der gute alte Hiob. Wie die Dreieich-Zeitung am Sonntag mitteilte, schließen Ende August die Langener Kinos. Für immer. Obwohl der Betreiber, wie zu lesen ist, in den vergangenen 17 Jahren die Besucherzahl im Jahresschnitt von 10.000 auf 70.000 erhöhen konnte! Und das mitnichten nur mit Mainstream-Filmen, wie sie sonst in den Großstadt-Anrainern zu finden sind, sondern auch mit ausgesuchten Arthouse- und Programmkino-Kunststückchen, zudem mit Motto-Parties (komme zum großen Gatsby in Jordan Baker-Pose und Du erhältst einen Cocktail gratis) und weiteren Attraktionen. Nichts Neues, nichts Ausgefallenes, aber etwas, das die Leute wohl begeisterte.

Und nun: das Aus. Natürlich ist es mal wieder: die Mischung aus schnödem Mammon und Technik. Die Umrüstung auf das Digitalformat steht an, Renovierungsmaßnahmen werden nötig... Immerhin: FFA und EU wollen knapp die Hälfte der benötigten 1,5 Millionen Euro beisteuern - was jedoch an die Bedingung geknüpft ist, den Nachweis zu erbringen, dass die Kinos noch mindestens zehn Jahre Bestand haben. Zehn Jahre? Nachweis? Liebe Kinobesitzer, ist so etwas überhaupt möglich???

Verschwende Deine Jugend

Jedenfalls kommt die unerwartete - und vielleicht dann auch wieder nicht ganz so überraschende - Antwort des Betreibers aus einer ganz anderen Richtung. Das Geld hätte aus der eigenen Tasche fließen müssen (können), "...und das konnte ich aus Verantwortung meiner Familie gegenüber nicht." Wir wissen aus eigener Anschauung: Kinomachen speist sich immer aus Herzblut, aus Leidenschaft, Seele und Selbstaufopferung. Der Kinomacher ist heute 45 Jahre alt. Die Kinos führt er seit 17 Jahren. Danken wir also einem Kinomenschen, der als junger Mann Mut bewiesen hat, der es geschafft hat, sich ein echtes Standing, auch den Verleihern gegenüber, aufzubauen, und der den Tod seiner Kinos nun mit einem zweiwöchigen Festival Festival - ja, was denn: betrauert? feiert?

Das Kino ist tot - es lebe das Kino!!

Mittwoch, 1. Mai 2013

Sag' mir wo die Rädchen sind...

...wo sind sie geblieben? Filmvorführung ist und bleibt für mich etwas zutiefst mechanisches. Nach dem heutigen Kinobesuch zeichnet sich für mich aber ein Bruch ab.

Selbst ein Staddteil-Kino wie die Neue Filmbühne in Bonn-Beuel führt mittlerweile digitale Filmkopien vor. Das kommt ein bisschen plötzlich für mich, nach den angestrengten Debatten über die Finanzierung des neuen Equipments, die in den letzten Jahren geführt wurden, hatte ich das nicht so plötzlich erwartet.

Die Bildqualität ist ganz ausgezeichnet, Filme lassen sich so vorzüglich genießen. Für meinen Geschmack ist das elektronisch projizierte Bild etwas steril im Dispositiv des Kinosaals, das ist wohl eine Frage der Gewohnheit. Aber wie seltsam ist es doch, in einem Kinosaal zu sitzen, der über einen Holzfußboden

-- an dieser Stelle ein kurzer gedanklicher Einschub: Kinos mit Holzfußböden gibt es nun wahrlich nicht (mehr) viele, spontan fällt mir nur Marias Kino in Bad Endorf ein, und wenn ich mich recht entsinne, die Kur-Lichtspiele in Hennef --

der also über einen Holzfußboden verfügt, und in dem ein ausrangierter 35mm-Projektor als Dekoration dient, und eine digitale Projektion zu sehen?

Gleichzeitig verzichtet man bei der Projektion nun auf den Leinwand-Kasch, denn die Ränder des Bildes sind ja eh so klar abgegrenzt (es gibt Menschen, die das auch über die Masken ihrer Filmprojektoren behauptet haben, aber das führt nun zu weit ins Anekdotische).

Und dann ist es noch der neue Film von Giuseppe Tornatore, der einst mit Cinema Paradiso dem Filmtheater ein Denkmal gesetzt hat, und der in diesem Film The Best Offer an einigen Stellen der Mechanik huldigt - wobei man den Eindruck hat, er würde Hugo Cabret ein wenig recyceln.

Der Kontrast ist für mich umso stärker, da ich just diese Woche wieder einen (besonders) alten 16mm-Filmprojektor vor mir hatte, und versuchte, ihm ein paar lebende Bilder zu entlocken. Daran trotz Verständnisses der Mechanik und einer rudimentären Übung zu scheitern, führte mir einmal mehr vor Augen, warum es einmal "Projektionskunst" hieß. (Ich rede mir natürlich gerne ein, dass das Mitte der 1980er Jahre zuletzt gewartete und vermutlich fast ebenso lange nicht betriebene Gerät vielleicht doch die eine oder andere mechanische Unzulänglichkeit aufwies, so dass wir die Schuld an der Beschädigung der Testkopie unter uns teilen dürfen.)

Nun muss ich erstmal grübeln - ist das der Lauf der Dinge oder einfach fauler Budenzauber wie beim "Original Kaiserzeit-Kinematograph"? 

Montag, 25. Februar 2013

Möchten Sie ablegen?

Wie lange haben wir darauf gewartet: die Garderobe ist zurück im Kino. Streng genommen schon länger, aber jetzt sind wir auch in Frankfurt endlich in den Genuss einer "Astor Filmlounge" gekommen und konnten auf die Suche nach dem Gefühl gehen, das Kino vor 60 Jahren vielleicht einmal war.

Das Konzept ist gelungen: das Kino liegt im Herz der Stadt, mitten an der Fußgängerzone, statt eines popcorndurchwehten Foyers gibt es eine schön gestaltete Lounge mit Bar, und der Saal verströmt Großzügigkeit.

Der Besuch läuft so ab:

Zunächst passiert man den "Doorman". Der trägt zwar Livree und Handschuhe, ganz wie man sich das vorstellt, aber anders als in der Phantasie vom Kino als Fünfsternehotel hält er einem nicht mit vornehmer Geste die Tür auf, sondern entpuppt sich als aus einem Verschlag nickender Grüßonkel, dem man wünschen würde, ein animatronic zu sein, und der sich das selbst wahrscheinlich auch wünscht. Die wundervolle Geste daran: so viel Verschwendung haben wir lange nicht gesehen.

Ein Aufzug enthebt einen über die Dächer des niedriger gebauten Teils der Stadt und durch eine etwas glücklos gelöste Eingangssituation gelangt man in den Loungebereich mit Kasse, Garderobe und Bar. Freundlichkeit des Personals, Publikum und Atmosphäre entsprechen nun nicht gerade dem Maître, der den Herrn im Cut zu seinem Tisch geleitet, heben sich aber doch wohltuend von der Kino-Gewohnheit ab. Uns war es nur zu laut und zu voll für eine ganz gelungene Atmosphäre.

Die Garderobe ist gerade im Winter eine nicht zu überbietende Genialität und im Preis inbegriffen, ebenso wie ein Begrüßungsdrink, der in unserem Fall (aus verlässlicher Quelle hört man, es soll auch anderes vorkommen) zwar optisch ansprechend, in der Degustation aber ein eher anspruchsloses Gemüt verlangte.

Die Freude eines Platzanweisers wurde uns nicht zuteil, doch der Eintritt in den früheren IMAX-Saal macht einen auch ohnedies staunen. Die Verwandlung ist vollkommen und der Retro-Look gelungen, ohne übertrieben geraten zu sein. Die wippenden Sitzmöbel, Lämpchen und Tische bereiten Vergnügen, ebenso die Speisen- und Getränkekarte. Die Gerichte sehen ansprechend aus (probiert haben wir sie nicht) und sind preislich angesichts der logistisch ungünstigen Situation durchaus angemessen. Das kann man auch über die Cocktail- und Weinpreise sagen. Wer die hochpreisigen Francis-Ford-Coppola-Weine für einen Gag hält: wir haben aus Daffke mal einen solchen in einem der besten Steakhäuser San Franciscos getrunken und waren ausgesprochen angetan. Und wir nehmen für uns in Anspruch, das beurteilen zu können. Gleiches gilt für höherprozentige Mischgetränke, und die dargereichte Variation eines Long Island Ice Tea ohne Cola, dafür mit Tee-Essenz, war eine erfreuliche Abwechslung. Ein Vorschlag: auf der Karte fehlt ein Vodka Martini. Der macht sich immer gut, besonders in der Umgebung schwerer Vorhänge und der Erinnerung an die Filmgeschichte.

Die zahlreichen Servicekräfte, die sich treppauf und treppab und durch nicht zu eng bemessene Sitzreihen bewegen, sind zweifellos das stärkste Argument für die höheren Preise, und man darf hoffen, dass es sich nicht um "Einführungspreise" handelt. Die Zahl der dienstbaren Geister legt die Befürchtung durchaus nahe.

Die Lichtshow vor Filmbeginn gehört wieder zu jenen Details, bei denen man das Gefühl hat, dass ein gut gedachtes Konzept nicht bis zu Ende ausgeführt wurde. Wir jedenfalls fühlten uns durch das LED-Farbspiel und die meditative Musik eher in eine Erlebnis-Sauna versetzt. Licht und Ton der eigentlichen Vorstellung waren dafür über jeden Zweifel erhaben. Und wie schön, wenn man zwischendurch mal raus muss und nicht durch drei Popcorneinmer trampelt, eine Cola verschüttet, drei Schmerzensschreie verursacht und einer Person um den Hals fällt, die man sich nicht dafür gewünscht hätte.

Unser Gefühl, dass die Auswahl passender Filme für dieses Ambiente nicht so einfach sein dürfte, bleibt bestehen. Aber wir können uns eine Kategorie von Werken vorstellen, für die wir dieses Filmtheater (diese Bezeichnung erscheint einmal wieder passend) anderen Abspielstätten ohne Zögern vorziehen würden. Auch der Gedanke an Live-Opernübertragungen scheint zum erstenmal nicht mehr so abwegig wie bisher. Wenn auch die dafür aufgerufenen Preise das reflexartige Entfleuchen einer einzelnen Augenbraue verursachen können.

Alles in allem hat man den Eindruck, dass die nicht mehr ganz junge und schon immer etwas halbseidene Dame Kino sich der besten ihr zur Verfügung stehenden Manieren befleißigt und tüchtig Puder aufgetragen hat. Das macht noch keine Grand Dame, aber auf jeden Fall jemanden, dem wir unseren Mantel wieder anvertrauen würden.

Freitag, 30. November 2012

We love Lagerfeuer

Gerade auf  Facebook die Frage diskutiert, ob eine digitale Projektion mit 48 fps Sinn macht. Weil dort kaum Platz für echte Diskussionen und Argumentationen ist, dachte ich mir: guter Anlass, diesen Blog mal wieder rauszukramen.

Also.

Zunächst mal fand ich erfreulich herauszufinden, dass die 4K-Aufzeichnung nicht völlig für die Katz ist, weil es mittlerweile eine einigermaßen nennenswerte Menge an Kinos mit 4K-Projektoren in Deutschland gibt. Schade bloß, dass wegen des 3D-Gedöns und der 48 fps laut t3n dann wieder nur 2K beim Zuschauer ankommen.

Generell stimme ich dem Artikel von Moritz Stückler aber zu. Prinzipiell hat schon der gute alte 35mm-Film mit 24 "echten" Bildern pro Sekunde und einer entsprechenden Anzahl von Blendenumläufen 48 fps simuliert und ein überzeugend flüssiges Bewegungsbild produziert. Der Wegfall des dadurch entstehenden Flackerns gehört zweifellos zu den positiven Errungenschaften des digitalen Kinos. Für mich persönlich war das gewöhnungsbedürftig, ich war ans Flackern gewöhnt. Der Lagerfeuereffekt setzt die Mammuts an der Wand einfach gelungen in Szene.

Diese Konditionierung ist auch für den bei den 48fps-Testvorführungen beobachteten Effekt verantwortlich, der Projektionen mit besonders hoher Framerate irgendwie billig aussehen lässt. Den Effekt kenne viele auch von Flachbildfernsehern in Werkskonfiguration, bei denen irgendein "toller" Motion-irgendwas-Filter läuft. Plötzlich sieht jeder Spielfilm aus wie eine Reality-Dokusoap. Ich krieg bei dem Anblick auch die Krise und fange umgehend an, mich durch die Konfigurationsmenüs von den Kisten zu wühlen. Der "Reality"-Effekt killt mir die Glaubwürdigkeit von Spielfilmen, das ist so eine paradoxe Wahrnehmungssache. Merke: hui für Länderspiel, pfui für Spielfilm.

Ich für meinen Teil möchte den Motion Blur gerne behalten. Auch wenn die frivolen Details mancher durchs Bild huschenden (Halb)Nackten dadurch auf ewig verwischt bleiben. Aber das ist eh so eine Sache für die Mammut-Männer.

Mittwoch, 21. September 2011

Mittwoch, 8. Juni 2011

His Master's Voice

Die menschliche Stimme ist ein Faszinosum. Sie umfasst ein erstaunliches Spektrum an Höhen und Tiefen, an Klangfarben und - an Lautstärken. Sie kann rauh klingen wie bei George C. Scott, sie kann schmeicheln wie bei Alain Delon, sie kann schnarren wie bei Gustav Gründgens oder brummen wie bei Jean Gabin. Die menschliche Stimme vermag Säle zu füllen und singende Sägen zu imitieren. Und in einigen wenigen Momenten vermag die menschliche Stimme den Zauber des Augenblicks sogar noch durch etwas ganz Besonderes auszumachen: Durch das Flüstern. Möglichkeiten zum Flüstern gibt es im Bett vor dem Einschlafen, in der Bahn vor dem Kichern, auf der Bühne vor dem großen Abgang. Nur an einem Ort scheint das Flüstern gestorben zu sein: im Kino.


Und dennoch, gewährt mir die Bitte: Liebes Kinopublikum, liebe Mitzuschauer:
Wenn Ihr
das Offensichtliche kommentieren müsst,
das Verborgene offenbaren,
wenn Ihr Erinnerungen teilen mögt,
oder die Szene schon kennt, bitte


F L Ü S T E R T ! ! !

Dienstag, 9. November 2010

Feucht, aber nicht fröhlich

Wenn ich mal drüber nachdenke -- viele Filme sind bewegend, aber was einen zum Weinen bringt , ist eigentlich immer die Musik.

Sonntag, 25. Juli 2010

Cinema Jenin

Wir möchten Ihnen heute Cinema Jenin vorstellen.

Die Stadt Jenin ist auf dem Weg, eine gewisse Normalität wieder zu erlangen, nachdem blutige Kämpfe und Blockaden Isolation und den Ausnahmezustand bedingten und ein unbeschwertes Leben unmöglich machten. Mit dem Wiederaufbau des Kinos in Jenin soll ein Ort für eine positive Freizeitgestaltung entstehen, für Frauen, für kulturellen und interkulturellen Diskurs und für Begegnungen über alle Grenzen hinweg.

Teil des Projekts sind ein Open-Air Kino mit 500 Sitzen, ein 3D-Kino mit 350 Sitzen, ein Café, Produktionsräume, eine Medienbibliothek, ein Gästehaus und die Keimzelle einer kleinen Filmschule, sowie Untertitel- und Synchronstudio.

Die Renovierungsarbeiten an den Kernbereichen werden im Juli abgeschlossen sein und das Projekt wird mit einem kleinen Festival am 5. August 2010 eröffnet.

Mehr unter www.cinemajenin.org

Samstag, 24. Juli 2010

Der "Bode" der Tatsachen

Vor kurzem habe ich mir einen lang gehegten Wunsch erfüllt und mir „den Bode“ gekauft. „Der Bode“ bezeichnet das 1957 erschienene Buch Kinos – Filmtheater und Filmvorführräume des Architekten Paul Bode (Callwey, München). Es handelt sich um eines der umfangreichsten Werke zur Kinoarchitektur, und es ist selten und teuer. 120 bis 150 Euro kann man dafür investieren, es sei denn, man hat Glück und erwischt wie ich ein gutes Exemplar im Ausland. Meines stand für 60$ in einem Buchladen am Broadway und hat mich dank Internetbestellung relativ bequem erreicht. Relativ heißt, dass ich es beim 12 km entfernten Zollamt unter Erduldung nicht unerheblicher Wartezeit abholen musste. Immerhin hat sich die Androhung diverser Gebühren nicht bewahrheitet.

Was den Bode auszeichnet, ist seine ungeheure Genauigkeit und Detailtiefe. Es handelt sich nicht um ein Buch für denjenigen, der großformatige Farbfotos von Kinofassaden und Zuschauerräumen bestaunen möchte (die sind beim „Lacloche“ besser aufgehoben), sondern um eine Handreichung für Kinobetreiber und -erbauer, die von der Standortwahl über die Gestaltung der Verkehrswege im Haus, die Außenwerbung bishin zu technischen Fragestellungen nahezu jeden Aspekt beleuchtet, teils bis ins Detail der Konstruktionszeichnung.

Vergleicht man den Bode mit einem neueren Werk zur Kinoarchitektur wie „Weiße Wände“, das die Bauhaus-Uni und die AG Kino anlässlich eines studentischen Entwurfsprojekts zur Filmkunstmesse 2008 herausgegeben haben, wird eines augenfällig: Bode hat das Filmtheater am Zenit der Zuschauerzahlen 1957 (damals zählte man über 800 Millionen Kinobesucher im Jahr, heute erreicht man nicht ein Viertel davon) aus einer völlig anderen Richtung gedacht als die, die sich heute den Kopf darüber zerbrechen.

Kino gut, alles gut

Paul Bode beschäftigt sich nicht mit Visionen, sondern mit Fakten. Das Kino ist Leitmedium, es stellt sich weniger die Frage, wie man den Zuschauer hineinbekommt, sondern eher, wie die Kapazität zu bemessen sei und wie man es bestmöglich gestalte. Zwar ist ihm bewusst, dass sich das gerade aufkommende Fernsehen zur ernstzunehmenden Konkurrenz entwickeln könnte, als bedrohlich nimmt er es aber noch nicht wahr:
„Je mehr das Fernsehen im häuslichen Kreise an Boden gewinnt, umso mehr wird sich das Lichtspieltheater bemühen müssen, durch die Vervollkommnung seiner Vorstellungen den Besuchern mehr zu bieten, als das Fernsehen es vermag. Es kann mehr bieten, weil dem Fernsehen die illusionsfördernden technischen und räumlichen Faktoren des Filmtheaters fehlen, ebenso die (zumindest angestrebte) gesellschaftliche Plattform, auf welcher der Film zu einem Gemeinschaftserlebnis wird. Wie wichtig diese Erkenntnis ist, zeigt die Entwicklung in den USA, wo die Einbuße, welche die Filmtheaterwirtschaft infolge des Fernsehens erlitt, nicht zuletzt auf den mangelhaften Zustand der meisten Kinos zurückzuführen ist.“ (S. 22)
Bode behält bis heute recht damit, leider nur teilt die Majorität der Bevölkerung diese Ansicht nicht oder handelt zumindest nicht danach.

Bodes Denkrichtung geht von innen nach außen:
„Mittelpunkt eines solchen idealen Hauses ist der Zuschauerraum. Seine ideale Form ergibt sich wiederum aus seiner Funktion, die größtmögliche Zahl von Sitzplätzen vor einer Bildwand maximaler Größe so anzuordnen, daß eine gute Sicht und Hörsamkeit von allen Plätzen gewährleistet ist. Um den Zuschauerraum herum sind die anderen Räume gemäß ihrem Verwendungszweck zu gruppieren.“ (S. 23)
Dementsprechend gibt es im Bode nur einen kleinen Fototeil, der Rest der zahlreichen Illustrationen besteht aus schematischen Zeichnungen und Plänen. Er beschäftigt sich kaum mit der Fassadengestaltung, dafür aber mit exakten Daten zur idealen Reihenüberhöhung, Blickachsen und Leinwandabständen.

Verschiebung der Aufmerksamkeit

Diese Funktionsorientierung passt gut zur Idee des Bauhaus. Diejenigen, die unter diesem Label ihre Entwürfe in „Weiße Wand“ veröffentlichen, verfolgen aber eher einen ornamentalen Ansatz. Sie entwickeln ihre Filmtheater nicht aus der Perspektive des Inhalts – des Films, seiner Projektion und Rezeption –, sondern aus der Perspektive der Gesellschaft und des Städtebaus. Die Illustrationen zeigen zum großen Teil aufwendige Fassaden, die die „Funktion“ des Gebäudes in die Stadt hinaus strahlen sollen, in dem sie mit der Form des Filmstreifens arbeiten oder die Projektion auf die Straße verlängern. Ihr zentraler Raum ist aber zumeist das Foyer, um das sich dann Kinosäle, Bars, Gastronomie und weiteres gruppieren. Sie denken von außen nach innen.

Dementsprechend ähneln die Kinosäle oft dem, was der Filmrestaurator Nicola Mazzanti „volumetrische Scherze“ nennt. Die meist nur sehr grob angedeutete Anordnung der Zuschauer zur Leinwand erscheint in vielen Entwürfen schon auf den ersten Blick widersinnig, ebenso wie manche Saalformen und –formate. Die Bildfläche befindet sich in den extremsten Fällen an der Decke oder am Boden, die Zuschauer liegen oder stehen in Einzelfällen – das taugt nur als Attraktion, als Kuriosität.

Bei Lacloche findet man diesen Übergang ebenfalls. Sein Buch besteht aus fünf Teilen. Die Kinos der funktionalen Bode-Epoche fallen in den Teil mit dem Titel „Les salles de cinéma“, die auf die frühere schwülstige Epoche der „temples“ folgen. Danach kommen die „cinémas dans la cité“ und zuletzt die „espaces de transit“.

Der Gerechtigkeit halber muss man aber festhalten: Die Aufgabenstellung an die Studenten ist auch schwieriger als die, der sich Bode konfrontiert sah: er hatte nur ein funktionierendes Konzept zu vervollkommnen – daher konnte er sich mit den Details auseinandersetzen –, jene mussten ein als Anachronismus empfundenes Konzept neu beleben. Sie haben dabei Realitätssinn bewiesen und sich dadurch wenig von der heutigen Form entfernt: praktisch allen Entwürfen ist gemeinsam, dass sie über mehrere Säle verfügen, die durch ein möglichst interessant gestaltetes Foyer und eine attraktive (attrahierende) Außenfassade, Gastronomie und weitere Angebote möglichst viel Leben in sich aufnehmen sollen. Die Innovationen werden davon etwas an den Rand gedrängt und verkommen eher zu Spielereien, wenn auch willkommenen: die Auflösung der Bestuhlung oder Sitzordnung, die man an einigen Stellen angedeutet sieht; fließende Übergänge zwischen Kinosaal und anderen Räumen; die Negierung des überlieferten Gemeinschaftsgedankens durch ein Konzept, das keinen Saal mit mehr als neun Plätzen vorsieht und wo Filme nach Wunsch gespielt werden.

Ein Haus für den Film

Beide Ansätze folgen der Logik ihrer Zeit, und der eigentliche Reiz liegt in der Vermittlung zwischen ihnen: man bette den Film „in sein eigenes Haus“, das im Kern der Bodeschen Funktionalität für den bestmöglichen Filmgenuss folgt und sich an der Peripherie in sein soziales Umfeld öffnet. In jedem Fall kann die Architektur nur die Vorzüge eines gut geführten Kinos und guter Filme unterstreichen – ein abschließendes Beispiel, das den Zeitgeist der 50er aufgreift, aber auf heutige Geschmäcker abstrahierbar sein sollte:
„Alle diese Bemühungen, dem Film ein eigenes, seinem Wesen entsprechendes Haus zu schaffen, werden voraussichtlich den Wünschen eines anspruchsvollen Publikums entgegenkommen und damit dem Lichtspieltheater, das neuen Gedankengängen folgt, einen Stamm von Besuchern schaffen, wie ihn die Studios durch die Pflege des künstlerisch wertvollen Films heute schon aufweisen können. Eine Zweiteilung der Vorstellung - das Einlegen einer Pause, in der die Zuschauer den Vorführraum verlassen können – bedingt in der Raumplanung größere und festlich gestaltete Foyers mit Sitzgelegenheiten, Rauchzimmer, unter Umständen auch die Einrichtung eines Büffets. Wo solch ein Aufführungsstil gepflegt wird, ist zu erwarten, daß sich die Besucher auch in ihrer Kleidung diesem Niveau anpassen werden. Die Einrichtung von Stammplätzen, die dem Besucher stets das gleiche Raumerlebnis vermitteln, die Herausgabe einer Hauszeitschrift sind darüber hinaus geeignet, eine engere Bindung zwischen dem Theaterbesitzer und dem Publikum herzustellen, und dem Lichtspieltheater jene Atmosphäre zu geben, in welcher der Film und alle, die ihn erleben, wirklich ‚zu Hause‘ sind. Noch sind diese Möglichkeiten nicht voll erkannt und genutzt. Wohl aber kam der Filmtheaterbau selbst zu ersten Ausreifungen.“ (S. 23)
Von wann war das Buch gleich?

Sonntag, 30. Mai 2010

Im Hyperraum

Ich habe mir tatsächlich vor zwei Wochen doch noch Avatar im Kino angesehen - erstaunlich nicht nur, dass der Film immer noch läuft, sondern dass er auch gut besucht war. Ich wurde angenehm überrascht. Avatar ist zwar weder intelligent, noch epochal, noch stilbildend, aber ich wurde zweieinhalb Stunden lang gut unterhalten und habe den Kinobesuch nicht bedauert. Das ist weit mehr, als ich zu hoffen gewagt hätte und als ich üblicherweise über große, bunte Hollywoodfilme sagen darf. (Am Rande: der Trailer war ja auch etwas irreführend und versprach ein fortwährendes Schlachtengetümmel, das der Film glücklicherweise nur im vertretbaren Maß einlöste)

Diese 3D-Sache - nun ja. In Avatar wird ja nach meinem Empfinden mit dem Effekt sehr sparsam umgegangen. An manchen Stellen hinterlässt das eine gewissen Enttäuschung, weil man sich das etwas spektakulärer vorgestellt hätte, aber dafür hatte ich den Eindruck, dass sich der Effekt auch weniger schnell verbraucht als das sonst der Fall ist. Alles in allem ist 3D etwas, worauf ich im Kino auch verzichten könnte, und nach einigen Filmen dieser Art möchte ich fast sagen, in dem meisten Fällen hätte es auch 2D getan.

Bestärkt hat den Eindruck ein kleines Experiment: ich habe mir Avatar in Full HD auf Blu-Ray zu Hause angesehen. Die Full-HD-Auflösung hinterlässt bei mir auch nach Monaten mit einem solchen Fernseher immer noch ein Staunen, den aus dem Kino bekannten 3D-Effekt habe ich dagegen keine Minute vermisst.

In beiden Punkten scheine ich aber etwas anachronistische Sehgewohnheiten zu haben: die Schärfe und Anmutung des digitalen Bildes hinterlassen bei mir immer noch einen Beigeschmack von Hyperrealität - das lebendige Filmkorn oder eine normale DVD-Auflösung machen da oft einen "wirklicheren" Eindruck auf mich. Ähnlich verhält es sich bei 3D, man fällt über dem Staunen über einen guten Effekt schon mal aus der Handlung und wird sich der Schausituation (Gruß an den Elfenbeinturm: des Dispositivs) bewusst. Was zwischendurch mal ein ganz brauchbares Aha-Erlebnis ist. Dem untrainierten Kinobesucher geht bei diesem Blick in den Hyperraum hoffentlich ein Licht auf. Und lasst die Finger von 3D-Fernsehern, das ist Unfug.

Freitag, 30. April 2010

Der Fluch der Kleinstadt

Kaum geht man ins Kino, schon kann man was erleben. Ja, eh klar. Aber: Vor wenigen Wochen im Kino gewesen, mitgefiebert: "Verblendung". Der Saal: So voll wie sonst nur bei Arthouse- und Wohlfühlfilmen, kaum noch einen Platz bekommen, aber in fröhlicher Gesellschaft von Zuschauern mit und ohne das Hintergrundwissen aus den Büchern den Film genossen. Interessanter Marketingzug: Noch vor Durchlaufen des Abspanns wurden Szenen aus dem zweiten Teil der Trilogie gezeigt, der ja bekanntlich schon Start am 04. Februar hatte, ein Tag, der an jenem Kinoabend bereits in der Vergangenheit lag. Aber wir Kleinstadt-Bewohner halten ja unserem Kino die Treue und warten geduldig, bis sich auch hierher endlich eine Kopie verirrt.

Am 16. April war's dann endlich so weit: Freitag abend, 20 Uhr. Der Tag hatte sich in die Länge gezogen, immer wieder der Blick zur Uhr: Wann ist es nur endlich soweit? Wann? Nur die Klügsten kommen durch, und so hatte ich beschlossen, extra früh zu fahren, um auf jeden Fall noch einen guten Platz zu ergattern. Reservieren wollte ich nicht, erstens: So bleibt es spannend, zweitens: Welche Reihe ist die beste? Reihe 5? Reihe 6? Reihe 5? Reihe 6? Lässt sich irgendwie immer nur durch das persönliche In-Augenschein-Nehmen klären.

Erste Verwirrung, als mich auf dem Parkplatz hinter dem Kino gähnende Leere erwartete. Aber: Ha! Ich war ja schlau! Es war ja auch noch nicht einmal halb acht! Allerdings saß dann noch nicht mal jemand an der Kasse im Kino, was mich doch ein wenig stutzig machte. Lange Zeit blieb ich allein, durfte dann endlich eine Karte kaufen und vermittelte dem Kinobetreiber nebenbei noch Einblicke in die Abgründe des ersten Teils. Da dann doch noch zwei weitere Gäste kamen - mittlerweile war es bereits kurz vor acht - habe ich mich mit der Betreiberin im Kinosaal weiter unterhalten. Wo sind all die Gäste hin?


Tatsächlich hatten den ersten Teil an jenem Abend, an dem auch ich im Kino gewesen war, sehr viele Leute gesehen, die im Anschluss an den Film zum Telefonhörer gegriffen haben: Also, so etwas furchtbares! So grausam! So brutal! Nein, den Film würde ich mir an Deiner Stelle nicht ansehen! Prompt kamen für die nächste Vorstellung die Reservierungsabsagen nur so gehagelt. Einige wenige trauten sich dann doch noch für den zweiten Teil zu reservieren, aber auch hier gab es wohl wieder Telekommunikation, und so sagten wieder zwei große Gruppen ab. Man kennt sich halt.

In diesem Sinne: Allen Kinolabor-Lesern einen schönen 1. Mai und: Trau'n Sie sich was! Gehen Sie ins Kino! Sie werden sehen, es lohnt sich. Und wenn's nur wegen der Insiderinfos ist. ;-)

Samstag, 3. April 2010

Ki-Notes

Ich war vor kurzem für ein paar Stunden in Berlin (und verbunden damit ein paar Stunden mehr im ICE) und habe die Gelegenheit genutzt, mir unterwegs die ungefähr drei Stunden Berlinale Keynotes zur Zukunft des Kinos anzuschauen und mir dazu meine Gedanken zu machen.

Alles in allem waren Vorträge und Diskussion wenig erleuchtend. Was etwa soll man von dem Statement halten, dass 3D die Wahrnehmung des Films ändert, weil es aufregender sei? Ist „aufregender“ neuerdings eine grundlegende Wahrnehmungsänderung?

Kunst kommt nicht von Können

Gut gemeint war sicher auch der Kommentar, dass Kinos ein „environment for art“ seien. Dabei kann man durchaus darüber streiten, ob Film per se Kunst ist. Mit den Worten des Filmrestaurators Nicola Mazzanti, die ich immer wieder gerne zitiere: „Film is not art. But there are films which are meant to be art.“ Es gibt solche und solche Filme. Ich sehe auch gerne mal welche, bei denen ich ohne zu Zögern zugebe, dass sie keine Kunst sind – selbst wenn sie vielleicht handwerklich oder inhaltlich solide gemacht sind. Es mag filmpolitische Hintergründe haben, Film als Ganzes immer gleich als Kunst hinzustellen. Die Gleichsetzung von Film mit Kunst ist ein filmpolitischer Reflex. Solange die per Programmpreis subventionierten Kinos sich überwiegend dem anspruchsvollen Film widmen, lasse ich das gerne gelten. Aber die Grenzen sind da schon sehr fließend – deswegen auch „überwiegend“ und „anspruchsvoll“. Ein „ausschließlich“ und „Kunst“ trifft wenn überhaupt nur auf Einzelne zu.

Wer hat’s erfunden? – Auf jeden Fall nicht die Schweizer

Ebenfalls zum Topos des Kinos ist es geworden, wechselweise den 1. November 1895 und den 28. Dezember 1895 als Geburtsstunde des Kinos zu bezeichnen. Auch in den Keynotes fällt mal das eine, mal das andere Datum. Grundsätzlich kann man beide Daten aus zweierlei Perspektive bewerten: aus der Technikgeschichte des Mediums heraus und aus der Konkurrenzsituation zweier technischer Lösungsansätze im Jahre 1895. Aus der ersten Perspektive sind beide Daten nur relativ beliebige Punkte auf einem langen Weg, auf dem sich verschiedenste Beobachtungen und Erfindungen physikalischer, chemischer und mechanischer Art – camera obscura, laterna magica, Fotografie und viele mehr – zu einer neuen Apparatur verbinden. Einer Apparatur, zu der es viele verschiedene Varianten gibt. Zwei davon sind das Bioskop der Skladanowskys und der Cinématographe der Lumières. Beiden ist gemein, dass mit ihnen zum ersten Mal etwas hergestellt wird, was der Kinosituation, wie wir sie heute noch kennen sehr nahe kommt (in Berlin etwas früher als in Paris). Technisch sind sie sehr unterschiedlich, der Cinématographe ist deutlich ausgereifter und entwicklungsfähiger. Seinem Funktionsprinzip folgt die bis heute eingesetzte 35mm-Technik. Also: Erfinder des Kinos – keiner von beiden, weil zu viele elementare frühere Erfindungen, auf denen die Technik aufbaut, vernachlässigt würde; erste öffentliche Filmvorführung – vermutlich Skladanowsky; Erfinder der bis heute verwendeten Technologie – Lumière. Setzen Sie Ihre Prioritäten bitte selbst. Eins der besten Werke zur Technikgeschichte des Films ist übrigens „Audiovisionen“ von Siegfried Zielinski.

Zurück in die Zukunft

Ein großer Teil der Berlinale Keynotes drehte sich um Kinoarchitektur. Vorrangiges Symptom des Niedergangs: Kinos werden nicht mehr Filmtheater, sondern Multiplex genannt. Das zieht die üblichen Vergleiche mit sich. Sie sind nicht unbedingt originell oder stichhaltig, aber unterhaltsam formuliert. Multiplex-Bashing à la Wolfgang Novak klingt z.B. so: „Multiplex architecture is modeled on boxes, which normally are used for fast food. […] People digesting their food have become the […] soundtrack. Multiplexes accelerate the meaninglessness of cinemas.“ Er stellt die Frage: wo sind die Architekten, die Kino wieder zu einem Ort urbanen Lebens machen können? - - Gegenfrage: ist es urbanes Leben nicht zunächst mal eine Frage der Stadtplanung und dann der Architektur?

Stararchitekt Norman Foster erinnert sich mit Wehmut an seine Kindheit: „When designing for the future, I also have to look at the past.” Auf die Glanzzeit des Kinos zu blicken, kann sicherlich eine wichtige Inspiration geben. Aber wir müssen das Kino auch neu denken, zeit-gemäß und an die gegenwärtige Kultur und Gesellschaft angepasst. Kino war damals nicht nur architektonisch anders. Es erhielt auch einen anderen Rahmen durch den Service und das Ambiente, das dort geschaffen wurde. Livriertes Personal, Garderoben, Erfrischungstheken, Filmvorführungen mit Pause zum Flanieren, farbige Licht- und Wasserspiele im Vorprogramm wurden geboten. Norman Foster erzählt, wie Kino Glamour in die Welt der Arbeiter brachte. Seinen Höhepunkt erreichte das Kino in den USA in den 30er und 40er Jahren, in Deutschland in den 50ern. „The combination of the car and the falling attendancies in the 50ies, 60ies and 70ies finally put the knife in the cinema as we know it.” Heute sind Multiplexe eine “kafka-like world of little boxes”. Und der Verfall geht weiter. Filme kann man auf dem Handy, im Auto oder wo auch immer im Privaten sehen. „Does that hasten the death oft he cinema? I don’t believe it does. I’m sure we have the potential to re-invent the cinema to bring it in a way to a new era,” so Foster. Als Beleg dafür sieht er unter anderem steigende Box-Office-Zahlen. Aber die Umsätze steigen auch, wenn weniger Menschen (überproportional) mehr Geld für Kinokarten ausgeben. Kein wirklich starkes Argument also. Foster sieht aber auch bei seiner Arbeit eine neue Tendenz zu sozialen Räumen. Ganz besonders übrigens in der Wissenschaft. Wenn Foster Gebäude für Wissenschaftler plant, stellt er fest: Wissenschaftler stellen keine Fragen nach Laboren. Denn die sehen sie als selbstverständlich an. Aber sie fragen nach “social spaces”. Denn neue Ideen entstehen weniger beim Brüten im stillen Kämmerlein, sondern vor allem beim zwischenmenschlichen und interdisziplinären Austausch. Foster kommt auch auf den „public living room“ zu sprechen. Beim public viewing zur Fußball-WM ist das Kollektiverlebnis gefragt – da hat auch das Kino eine Chance, findet er. Und noch eine Beobachtung fügt er an: „We can all work at home. Do we all work at home? Do we hell. We gather together because of the social richer congregating.” Foster schildert eine konkrete Zukunftsvision, die er vom Kino hat. Für ihn ist der Flughafen einer der Räume, die unsere heutige Zeit am besten beschreiben. Also stellt er sich Kinos an Flughäfen vor, die 20minütige Spielfilme zeigen, während man auf den Flug wartet. Nette Idee, das gab es aber früher schon an Bahnhöfen, es nannte sich AKI (Aktualitätenkino) und hat die Zeit nicht überdauert.

Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au zeigt Bilder und Animationen von Kinos, die spektakulär gebaut sind, aber auf den ersten Blick nicht zum Verweilen anregen. Es handelt sich um Stadion- oder Messearchitektur, die am besten vom englischen Wort „vast“ beschrieben wird. Auf die Spitze getriebene Sony-Center. Sein Lieblingsentwurf gruppiert sich um eine gigantische überdachte Freifläche. Open Air ist zwar nicht die Neuerfindung des Kinos, aber zugegebenermaßen setzt es zumindest ein Trend. Im Open-Air-Kino erreichen alte Filme, die im geschlossenen Kino kaum noch jemand sehen wollte, teils ungeheure Zuschauerzahlen. Oft habe ich sogar das Bedürfnis, Open-Air-Kino erreicht vollkommen andere Zuschauer. Woran liegt das? Warum übersetzt das Freilufterlebnis eines Films das Kino in heutige Bedürfnisse?

Eine Merkwürdigkeit am Rande

Wer auf Multiplexe schimpft, muss auch auf digital schimpfen. Das passt gut zusammen und ich tue es auch gern. Vor allem, weil beides nicht schlecht gedacht, aber meist schlecht umgesetzt ist und einer argumentativen Zwangsläufigkeit folgt, der ich mich verweigere. Nun, einer der Keynotes-Redner spricht über eine MIT-Studie, laut der digitalisierte Bilder nicht in unserem Langzeitgedächtnis haften blieben. Bitte wie? Das würde man gern genauer wissen. Bis jetzt konnte ich dieser Studie leider nicht auf die Spur kommen. Denn die Lebenserfahrung sagt etwas anderes. Digitale Projektionen erschienen mir bis jetzt nicht flüchtiger als analoge, auch wenn sie mich inhaltlich oder technisch weniger beeindruckten als manche analoge. An der gewagten These gibt es auch noch einen anderen Haken: das menschliche Auge sieht überhaupt keine digitalen Bilder, denn es ist ein analoges Instrument. In Bits und Bytes codierte Bilder müssen erstmal wieder umgewandelt und in für uns wahrnehmbare Reize übersetzt werden. Wir schieben die Datenträger schließlich in tolle elektronische Geräte, nicht in den Mund.

Am Ende wird alles gut

Neben Prix‘ Monstrositäten nimmt sich die Vision von Marin Karmitz (MK2 Cinémas) gerdazu bescheiden aus. Doch der erste Eindruck täuscht. Seine Vision ist nicht architektonischer, sondern sozialer Natur – und wahrscheinlich gerade deswegen so überzeugend und so erfolgreich. Er erzählt, wie es ihm mit Kinos gelungen ist, das Gesicht von Stadtteilen und das Leben dort zu verändern: aus finsteren Ecken, wo man sich abends nicht aus dem Haus traute, wurde in jahrelanger mühsamer Arbeit wieder ein Lebensraum. Das Kino gab den Menschen dort einen Grund, auszugehen und sich aufzuhalten. Das Kino bildete einen neuen sozialen Raum, zog Menschen an. Diese veränderten nach und nach die Umgebung – und sich. Jugendliche, die sich erst als Störer ins Kino einschlichen, kamen später regelmäßig als reguläre Besucher – obwohl alle Filme in der Originalfassung oder als OmU liefen.

Nicht umsonst sagt Karmitz: „Kino ist Licht in jeder Bedeutung.“ Von allen Rednern bei den Keynotes scheint er derjenige zu sein, der tatsächlich „une autre idée du cinéma“ hat.

Sonntag, 7. März 2010

Verrückt - auf die gute Art

Wir ziehen den Hut: Quentin Tarantino hat das gemacht, was alle machen sollten, die genug Geld haben, aber keinen 35mm-Projektor bedienen können: Er hat ein Kino gekauft. Laut FAZ-Bericht hat er das auf Filmklassiker und Independent-Produktionen spezialisierte New Beverly Cinema, das er schon als Jugendlicher besuchte, damit davor bewahrt, von einer großen Kette geschluckt zu werden. O-Ton:
"Solange ich lebe und solange ich reich bin, wird es das New Beverly hier geben und Double Features in 35mm."
Womit mal wieder bewiesen wäre, dass man als Kinobetreiber ein bisschen verrückt sein muss.

Strange Days

Bei Ausübung meines Brötchenerwerbs bin ich neulich auf ein Heftchen mit dem Titel "Großes Kino" gestoßen. Natürlich habe ich es sofort an mich gerissen und verschlungen, denn in der Branche, in der ich tätig bin, ist die Begegnung mit dem Wort Kino eine once-in-a-lifetime-Erfahrung. Entsprechend abwegig war der konstruierte "Zusammenhang" dann auch. Aber sehen Sie selbst: hier klicken.

Wobei ich zugeben muss, dass "Vier Fäuste für ein Halleluja" als durchaus originell zu werten ist und mir zumindest ein nachsichtiges Lächeln abgerungen hat.

Sonntag, 28. Februar 2010

Der Turm(ab)bau zu Frankfurt

CineStar leitet schonmal das schleichende Ende des Turmpalasts ein und übernimmt dessen Originalversionen ins Programm des Metropolis. Die Stadt zeigt sich inzwischen etwas unentschlossen, was den Umgang mit dem Thema angeht.

Der Eigentümer der Immobilie ist entschlossen, das Geld für eine Sanierung nicht aufzubringen - nachvollziehbar, den um aus dem Turmpalast wieder ein Top-Kino zu machen, müsste man eigentlich alles entkernen und bei null anfangen. Die Lage wäre reizvoll für ein Kino, mit dem Metropolis direkt nebenan und den E-Kinos in Gehweite ist die Strecke zwischen Hauptwache und Eschenheimer Tor geradezu eine Kino-Meile. Heutzutage undenkbar, vor allem, da sich das Programm nicht unterscheidet. In dieser Zange konnte der Turmpalast bisher nur durch seine Originalversionen überleben - und für die ist ja offenbar auch im Metropolis Platz.

Das vorgelegte Konzept zur Neubebauung scheint aber nicht so richtig anzukommen. Der Verlust des Kinos ist wohl leider nicht der vorrangige Grund dafür, sondern eher verworrene Eigentumsverhältnisse und widersprüchliche Planungen.

Der FAZ ist es hoch anzurechnen, dass sie das Thema auch in einem zweiten Artikel in eine stadtplanerische Perspektive rückt. Soviel Ganzheitlichkeit wird Filmtheatern meist nur noch in kleinen Städten zuteil.

Im Turmpalast ist die Vorführung so desolat wie eh und je. Fallen Ton oder Bild in den ersten zwanzig Minuten aus, gibt es das Geld zurück. Da weiß man schon nicht mehr, ob es Horror oder Kult ist.

Von nix kommt nix

War kürzlich mit einem Freund in Aschaffenburg bummeln, da durfte ein Blick ins Casino nicht fehlen. Schon der erste kurze Eindruck bestätigte die hohe Meinung, die man landauf, landab von diesem Kino hat: Schön hergerichtete Fassade (siehe auch die Bilder "Das alte und das neue Casino" auf der Homepage), im Foyer ein schicker Coffee Shop, der auch unabhängig vom Kino einlädt und an einem normalen Samstag mal eben sieben Vorstellungen in zwei Sälen. Die Projektion, habe ich mir sagen lassen, soll sehr gut sein. Das Haus vereint alte und neue Architektur - es gibt einen modernisierten klassischen Saal und einen neu hinzugekommenen, die Fassade wurde aufgepeppt, der Zugang zum Projektionsraum hat aber immer noch den ursprünglichen Außenzugang. Alles sehr gelungen. Kein Wunder, dass das Casino im Dezember vom FFF als bestes Kino Bayerns ausgezeichnet wurde.

Sonntag, 21. Februar 2010

Neue Kinos braucht das Land

Sehr stark: in Würzburg ist eine Initiative am Start, die sich für den Erhalt bzw. die Wiederbelebung eines Programmkinos einsetzt. Ins Auge gefasst wird die Gründung einer Genossenschaft. Klar, dass der unermüdliche Ritter Friedrich vom Aalener Kino-Orden dazu was zu sagen hat. Siehe dazu den Lokal-TV-Beitrag als Bewegtbild auf TV Touring. Der Stand der Dinge lässt sich verfolgen im Blog programmkino-wuerzburg.de .

Ist ein Arzt im Saal?

Die hier sind nach dem Exbundeskanzlerprinzip definitiv reif für den Doktor: Wanaka movie theatre. Ziemlich genau so würden wir uns ein Kino vorstellen, in dem man den ganzen Abend verbringen kann und möchte. Gut, bei der Einrichtung haben wir vielleicht einen etwas anderen Geschmack. Aber wie der Rheinländer sagt: jeder Jeck ist anders.

Ab zum Arzt

Vergangenen Sonntag wurde bei den Berlinale Keynotes vier Stunden über die Zukunft des Kinos diskutiert. Wer wie ich nicht die Gelegenheit oder das Sitzfleisch hatte, die Diskussion live im Internet zu verfolgen, kann das jetzt häppchenweise auf der Homepage der Berlinale tun.

Ich bin gespannt, ob Helmut Schmidt ein paar von den Leuten wegen Visionen zum Arzt geschickt hätte.

It's the content that counts?

Heute endet die 60. Berlinale, und reflexhaft hat sich die Presse zu diesem Anlass wieder mit dem Wesen des Kinos auseinander gesetzt, was die üblichen Blüten trieb.

Die FAZ macht dabei besonders muntere Kapriolen. Am 10. Februar läutete sie die Festspiele mit einem einseitigen Artikel über Dominik Grafs Fernsehmehrteiler (!) "Im Angesicht des Verbrechens" ein. Man muss der FAZ zugute halten, dass sie sich selbst ein bisschen darüber wundert, das klingt dann so:

"500 Minuten Spielfilm, verteilt auf zehn Folgen, in den Dimensionen eines Kinofilms [...] (in jeder Hinsicht: Drehzeit, Geld - inkluvise der Insolvenz einer beteiligten Firma während der reharbeiten -, Sorgfalt, Personal), produziert fürs Fernsehen, uraufgeführt bei einem der drei großen Filmfestivals der Welt, nämlich [...] im Rahmen der Berlinale im Delphi Kino - was ist das?

Eine deutsche Eigenart, so viel ist sicher, die sich der Tatsache verdankt, dass in einigen öffentlich-rechtlichen Fernsehredaktionen [...] noch Redakteure sitzen [...], die ebenso wie der Regisseur Dominik Graf daran glauben, dass man fürs Fernsehen ganz wunderbares Kino machen kann. TV-Kino nennt Graf das, aus den Kinos verschwunden zugunsten von Kino-TV mit seinen halbnah im trüben Licht aufgeblätterten Geschichten und flachen Gestalten, die uns immer an dieselben Punkte führen, wie wir das so oft beklagen."

Den kleinen Seitenhieb, dass im Kino sowieso kein gutes Kino mehr stattfindet und man deswegen gleich was Vernünftiges im Fernsehen schauen kann (?), stecken wir erstmal noch weg.

Aber, weiterlesend, entdecken wir, dass am 8. Februar bereits der obligatorische Abgesang veröffentlicht wurde. "Wie lange wird der Film das Kino noch brauchen?" fragte ein bekannter Filmjournalist und den folgenden Absätzen war zu entnehmen, dass er diese Frage für eine rhetorische hält: Der Film habe sich längst vom Kino emanzipiert. Dass sich zur Aufführung im Filmtheater inzwischen mehr als eine alternative Aufführungspraxis entwickelt hat (wenn man bei den Alternativen denn von Aufführung sprechen will), lässt sich nicht leugnen, wegdeuteln oder -diskutieren. Man muss darin auch nicht den Untergang des Abendlandes oder der Kinematographie sehen (kann es allerdings). In der reinen Verfügbarkeit anderer Möglichkeiten eine Emanzipation zu sehen, erscheint mir aber doch einigermaßen gewagt. Theaterstücke können Sie auch im Fernsehen sehen. Hat sich das Drama deshalb von der theatralischen Aufführungspraxis emanzipiert? Die Omnidisponibilität von "content" (Film, Text, Musik,...), deren aktuellstes Beispiel die neuen eBook-Lesegeräte sind, ist kein Ergebnis von Emanzipation des Inhalts. Sie hat nur etwas mit Konsum und Verkaufen zu tun. Elektronikkonzerne entwickeln rastlos neue Geräte, deren einziger Nutzengewinn ist, "content" nun auch an Stellen zu konsumieren, wo dies bisher nicht möglich war. Ich sage das ohne Wertung, denn auch ich erfreue mich an meinem Smartphone mit Datenflatrate. Aber, lieber Herr A., das ist keine Emanzipation, es ist das Schicksal des Werks im Zeitalter seiner techischen Reproduzierbarkeit. Da sind Sie der Kulturindustrie gehörig aufgesessen.

Einschränkend muss man allerdings zugeben, dass viele Filme heute nicht mehr das Filmtheater als primäre Aufführungspraxis im Blick haben, sondern den Aftermarket. Aber auch da geht es eben nur ums Verkaufen. Bei diesen Werken, die nicht mehr so richtig fürs Kino gemacht wurden, spielt es vielleicht tatsächlich keine so große Rolle mehr, ob sie dort stattfinden. Viele von ihnen werden ohnehin nur noch als digitales Video projiziert und sind somit nur noch reiner content ohne jede Körperlichkeit. Denn auch der Film hat im Zuge des technischen Fortschritts seine Reproduzierbarkeit bedeutend gesteigert. Diese Entwicklung könnte man eher als Emazipation gelten lassen - dass es dem Filmwerk nach über 100 Jahren endlich gelungen ist, sich von der Krücke des Nitro-, Acetat- und Polyestermaterials zu lösen und seine intendierte technische Reproduzierbarkeit zu vervollkommnen.

Im Gegenzug entsteht eine Bewegung von Verehrern der materiellen Substanz, die Freude am Alten, Seltenen, nicht Omnidisponiblen haben. "Zelluloidfetischisten" hat mich und meinesgleichen ein verständnisloser Soziologe einmal genannt. Zu besonderen Anlässen greift dieser Fetischismus auch einmal unter Videorezensenten um sich, etwa, wenn weitere Minuten (richtiger: Meter) von "Metropolis" erjagt wurden und wir einmal mehr das Werk Metropolis feiern, wie wir es noch nie gesehen haben. Wäre der Film so schrecklich emanzipiert, wie oben behauptet wurde, könnten wir das ja dann kollektiv auf Smartphones streamen anstatt mit einem Mordsbrimborium das Werk halbwegs so aufzuführen, wie es einmal gedacht war: auf Film, im Dunkeln, vor einer gesichtlosen Masse, mit musikalischer Begleitung. Werken hat es bisher noch immer gutgetan, sich mit ihnen im Rahmen ihrer intendierten Aufführungspraxis auseinanderzusetzen. Leider schätzen das heute nur noch wenige, oder nur zu ausgewählten Gelegenheiten. Praktisch gesehen gäbe es ja keinen Grund mehr, sich stundenlang in die Kälte zu stellen, um im Städel die Botticelli-Ausstellung zu sehen. Sie können die Bilder doch auch irgendwo anders auf dem Smartphone anschauen.

Dankenswerterweise hat sich dann doch noch jemand wirklich mit dem Kino beschäftigt und der FAZ ein Porträt des Kinos International in Berlin geschrieben. Dort ist zwar auch nicht mehr alles, wie es mal war, aber das ist der Lauf der Dinge. Immerhin lädt der Ort offenbar zu etwas Filmtheater-Archäologie ein. Mein Tipp für den Sonntag abend: gehn Sie in ein Kino, das Sie schon lange kennen oder das es schon lange gibt, suchen Sie dort nach dem Ort, der es einmal war, den Sie in Erinnerung haben oder der es vielleicht immer noch ist. Sie sind dabei in guter Gesellschaft, irgendwo da draußen suchen ein paar Leute die letzten rund 140 Meter von Metropolis, wie es einmal sein sollte.