Samstag, 26. April 2008

KINO 2008 - Die ganz große Nachlese

Ein paar Grundsätzliche Dinge wurden beim diesjährigen HDF-Kongress ziemlich schnell klar: der Point of no return zum digitalen Kino ist überschritten, es geht jetzt nicht um um das ob, sondern nur noch um das wie, das wann ergibt sich zwangsläufig. Gejammert wird nicht mehr, das Kinojahr 2007 war zwar mies, aber lautes Heulen gibt nur schlechte Presse, und von der werden die Besucherzahlen nicht besser. Also nach vorne schauen.

In der Eröffnungsrede merkte Dr. Negele an, das Denken sei noch 35mm, und klar, das stimmt, wie sollte es auch anders sein. Jede Frage nach so etwas wie Startkopien, Förderkopien etc. erübrigt sich, denn die Kategorien sind andere geworden. Was aber auch wieder auffällt, ist das strikte Warendenken in diesem Teil der Branche, nur wenn es darum geht, Fördergelder aufzubringen, wird die Kulturflagge gehisst (allerdings läuft auch der alternative content von der Oper übers Fußballspiel bis zum Game unter Kultur - solange er im "Kino"saal stattfindet). Mit der Digitalisierung wird das nicht besser werden. Den sozialistischen Gedanken "Startkopien für alle" darf man getrost in der Utopieschublade lassen, das haben die Verleiher deutlich gemacht.

Im Folgenden ein sehr subjektiver Rückblick auf die besuchten Veranstaltungen:

Vorstellung der Filmbefreier-Kampagne der ZKM:
Zwei Details mit Charme fallen auf: In einer Aktion quetscht die ZKM eine Kontorsionistin in ein Fernsehergehäuse - das hat was. Zum Glück ist es kein Flat Screen. Und das Video von der Paderborner Kino-Demo ist ein 1A-Youtube-Pixelbrei, der hier in Baden-Baden auf der großen Leinwand für die große Leinwand wirbt. In bester Demo-Veranstalter-Manier addiert ZKM rund 20% Teilnehmer auf die Medienberichterstattung drauf.

Trendforscher-Panel:
Wahrscheinlich die beste Veranstaltung, die ich je auf einem Kinokongress erlebt habe. Leider konnten sich die Praktiker im Saal nicht für die Theorie auf dem Podium erwärmen. Noch tagelang hört man Kommentare über die "etwas trockene Theorie", vom lapidaren "des is doch ois scho do g'wesn" bis zur aufgebrachten Rechtfertigung. Welcher erfahrene Handwerker lässt sich schon gern Unprofessionalität und Anachronie nachsagen?
Genau das warfen Jörg Domhöfer (sinus sociovision), Prof. Hennig-Thurau (Filmökonom, Bauhaus-Uni Weimar) und Prof. Dirk Blothner (Filmwirkungsanalyse, Uni Köln) aber dem Publikum an den Kopf. Und ihre Argumente waren gut.
Eine Auswertung der Sinus-Milieus etwa zeigt, dass die Kino-Fans vor allem im Bereich der jungen, wohlhabenden und technisch interessierten Deutschen zu finden sind. Technisch ist 35mm aber der Zeit hinterher (was schöner ist, steht hier mal ausnahmswese nicht zur Debatte). Kino ist, lernen wir von Hennig-Thurau, no place for freaks. Wo bleibt das Filmkompetenzzentrum, der "one-stop-shop", wo man von kompetentem Personal beraten wird und zu einem Film im Saal draußen auch die anderen DVDs des Regisseurs, Schauspielers, die CDs des Komponisten etc. pp. kaufen kann?
Da merkt man schon: mit dem Kino, wie wir es seit etwa 1895 in relativ unveränderter Weise tradiert haben, ist es gründlich vorbei. "Kino", will es ökonomisch bestehen, wird in Zukunft so etwas sein wie das Home-Cinema mit Playstation und Satellitenanschluss, nur größer, schärfer, lauter und manchmal in 3D. Und vielleicht auch wieder mit Bedienung am Platz. Die Werbung wird über eine zentrale Datenbank aller Kinos genau die richtigen Leute erreichen. "Der Kintop ist tot - es lebe das Zielgruppenkino", verkündete Domhöfer. Nur das, technisch aufpoliert, wird noch außergewöhnlich und exklusiv genug für die Leitmilieus sein. Im Gegensatz zum Heimkino ist es aber leider schrecklich unkommunikativ.
Hennig-Thurau empfiehlt den Kinos eine intelligentere Preisdifferenzierung: nicht mehr nach Tag, Uhrzeit, Loge und Student (kompliziert genug), sondern nach Spielwoche, Zielgruppe, Budget/Attraktivität des Films und so weiter. "Event films need event ticket prices", heißt das. Kein dummer Gedanke, um "Ertragspotentiale zu realisieren". Aber wie um alles in der Welt soll das Kino so jemals den Ruf des teuren Vergnügens los werden? Und wie reagiert ein Kinobesucher, wenn er für "Indiana Jones" zwei Euro mehr bezahlen soll als ein anderer für "Love Vegas" an der Kasse nebenan? Eine Betriebstypendifferenzierung, wie er sie weiter empfiehlt, haben wir - nur einer dieser Betriebstypen versteht es nicht recht, ein Kino nicht wie das andere aussehen und anfühlen zu lassen. Ich bin gespannt auf die Multi-, Kulti-, Mono- und Eventplexe.
Aber trotz allen Spotts und aus schierem Idealsimus geäußerten Zweifeln: Abwegig sind die Gedanken nicht. Sie passen nur nicht zu unserem Bild vom Kino, obwohl wir sie in Dutzenden anderer Wirtschaftsbereiche selbstverständlich akzeptieren. 35mm-Denke eben.
Eine Idee, für die ich mich sofort erwärmen konnte, ist die "Film Business Academy". Das wäre der Schraubstock, in dem man Handwerker, Denker, Ökonomen und Kreative wenigstens vorübergehend zusammenhalten könnte. Damit zusammenwächst, was nicht zusammengehört, oder -gehören will.
Was Blothner über die "Verwandlung auf einem sicheren Stuhl" erzählte, war dann tatsächlich mehr etwas für Filmwissenschaftler und Psychologen. Schön aber seine Deutung des Begriffs Filmpiraterie: Für ihn sind das Menschen, die das Kino auseinander nehmen, die in Filme gehen, um sie auf einer ironsichen Metaebene für etwas anderes zu benutzen. Und achtung, bevor Sie lachen - nicht nur Pubertierende tun so etwas, auch mancher Filmkritiker und -theoretiker kommt mir so vor. Um ehrlich zu sein, die meisten. Bei Blothner läuft das unter "zeitgenössische Nutzungsformen". Zeitgeist. Das geht vorbei. Wie '68 oder die letzte Fußball-WM. Gerade deshalb, findet er, muss man aber Kindern und Jugendlichen nicht mit viel Erklärungen über Filmästhetik, Ideologie und sowas kommen, sondern ihnen den Zauber des Kinos nahebringen. Ein schöner Gedanke, wenn auch viel Polemik in ihm steckt. Wie auch in seiner Schlußthese, man müsste "Kino als gegen den Strom schwimmende Unterhaltungsform" etablieren. Glaubt man Domhöfer, hat das Kino das schon getan. Bei so einem Satz oder einer Bemerkung wie "machen wir Cocooning doch zu unserem Geschäftsmodell" (Hennig-Thurau) klopfen sich die Anachronisten auf die Schulter.
Am Ende bleibt nur die Idee des Modellkinos: versuchen wir's mal. Wer traut sich? Wir hätten auch schon einen Namensvorschlag. Sehen Sie mal ganz oben auf die Seite.

Seminar: Sind wir noch Kino?
Das nun wäre für mich nach den obigen Überlegungen die alles entscheidende Frage des Kongresses gewesen. Leider auch für so viele andere, dass der Seminarraum sie nicht in der Lage war, zu fassen. Wir standen auf dem Flur, hörten nix und mussten uns die Antwort selber geben. Zwei Leute kamen mir aus dem Saal entgegen, wutschnaubend über den größten Blödsinn, den sie je gehört hätten. Ja, wer weiß.

Der Vortrag über den "Goldesel Generation 50plus" war die große Enttäuschung. Wer hätte schon geahnt, dass Menschen "über 60" (siehe Titel des Vortrags) schlechter sehen, weniger mobil sind, Sauberkeit und Bequemlichkeit schätzen, dafür gerne etwas mehr zahlen und nicht gerne lange anstehen?

Die Vorstellung der Imagestudie Deutscher Film brachte auch keine weltbewegenden Überraschungen mit sich. Gelernt haben wir, dass nur Kinofilme sich unsympathische Charaktere leisten können und Literaturverfilmungen bei uns angeblich dehalb so gut gehen, weil wir keine richtigen Stars haben. Willkommen im Land der Dichter und Denker, uns geht halt nix über unsern Goethe. Alle paar Jahre kommt dann mal Til Schweiger und sorgt mit sechs Millionen Besuchern für die Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Am Ende dreht sich wieder vieles um die Förderung und um die Frage "Wer setzt die Schere bei der Zahl der Produktionen an und wo?", nur eine Antwort hat man immer noch nicht gefunden. Falls Sie sie wissen, freut sich die MFG in Baden-Württemberg auf Ihre Antwort. Stefan Arndt wandelt mit dem "Filmkompetenzzentrum" auf nicht erst seit Prof. Hennig-Thurau ausgetretenen Pfaden, die mit DVD-Vitrinen gesäumt sind. Frank Völkert von der FFA ist es dann, der fordert, aus den Kinos keine "Sportsbars" zu machen, heißt: lasst bitte wenigstens das Fernsehen draußen. Seine berühmten Fußball-Metaphern kamen diesmal nicht überall gut an: "Können Sie das nochmal für Nicht-Fußballer ausdrücken?"

Aus dem sehr unterhaltsamen Dienstleistungsseminar von Söhnke Thomssen nehme ich vor allem einen genialen Psychotest mit. Wenn Sie Filmfreak sich für einen guten Beobachter halten, wird Sie dieses Video Demut lehren. Zählen Sie ganz genau, wie oft die weiße Mannschaft den Ball hin- und herpasst. Die Auswertung Ihres Ergebnisses erhalten Sie hier, unter der Überschrift "
Sustained inattentional blindness ...". Weitere Erkenntnisse für den Alltag: wenn ein Mensch Dampf ablässt - lassen Sie ihn brüllen. Dauert im Schnitt nämlich nicht mehr als 20 bis 30 Sekunden.
Aussichtslose Beschwerden, hört man in der Diskussion, treten im Kino vor allem an zwei Punkten auf: bei mitgebrachtem Essen und bei der FSK. Während die Nordlichter hier diskutieren bis zur Verzweiflung, parieren die Bayern mit einem kessen Spruch.

Der Workshop zur Mitarbeitermotivation ist gelebtes Teleshopping. Eine attraktive junge Frau verrät einem Psychotipps, die man aus jeder Fernsehzeitung kennt. Nachdem sie sich damit über die Zeit gerettet hat, pariert sie die intensiven Fragen mit: "Oh, jetzt muss ich aber wirklich aufhören, aus Kollegialität den anderen Veranstaltern gegenüber. Ihre Frage geht da sehr in die Tiefe, das sollten wir unbedingt individuell angehen. Das würde ich gerne machen. Visitenkarten liegen hier vorne aus."

Da hätte ich meine Zeit mal besser auf der Independent-Tradeshow oder in den Workshops zur Digitalisierung verbracht. Dann wüsste ich jetzt, wie weit das Thema 4K in Deutschland ist. Gelesen habe ich schon, dass man bei 4K-Projektoren die Pixel nicht mehr sieht und die Auflösung so gut ist, dass sie das Filmkorn abbilden kann. Klingt beeindruckend, aber es ist eine Perversion, nicht? Sony jedenfalls verteilt schon mal Schlüsselbänder mit goldenem 4K-Logo. Heute in der Hosentasche, morgen im Kopf, übermorgen im Projektionsraum. Zu den übrigen Tradeshows kann ich sagen: ein Verleiher hat nahezu alle Favoriten auf den größten Käse des Jahres gebucht, ein anderer ist dichtauf. Die übrigen haben mich positiv überrascht. Habe ich mir letztes Jahr in Baden-Baden noch bei 90% der Produktionen an die Stirn geschlagen, war dieses Jahr viel Solides dabei.
Prokino verkündete, "Bienvenue chez les ch'tis" in die deutschen Kinos zu bringen, aber erst, wenn die Synchro überzeugend ist. Nach allem, was ich über den Film gelesen habe, dürfte das nie eintreffen. Schonmal was von OmU gehört?
Einen unterhaltsamen Dialog verfolgte ich dann noch nach den Trailern zum neuen Actionfilm mit Angelina Jolie, dem neuen Hellboy und der neuen Mumie:
"Na, so a G'schmarrn, der Film mit der Jolie."
"Was? Der war doch geil. Nur geil. So muss a Äktschnfilm sein."
"Naa. Tschuldige, aber des is mir zu überzogen."
"Überzogen? Des ist Äktschn. Des muss überzogen sein. Der Hellboy und der Hulk - des is überzogen."
"Naa, des is Fantasy. Aber a Äktschnfilm, der muss... also dem Bruus Willis, dem kauf ich des ab. Der is einfach so verrückt."

Der große Knaller, auf den dann doch nicht alle gewartet haben, war natürlich die Vorstellung des 100er-Modells zur Finanzierung der Digitalisierung. Auf programmkino.de ist es schön knapp dargestellt. Ein paar Fragen blieben für natürlich offen, für mich vor allem: was passiert, wenn es wieder mal ein richtig schlechtes Kinojahr gibt und sich der eine oder andere die 375 EUR pro Leinwand plötzlich nicht mehr leisten kann? Die Antwort von Bernd Papenstein kommt schnell, direkt und unverblümt: "Die gehen dann pleite." Zack. Die "Marktbereinigung" wird kommen, aber die Branche scheint sie zu akzeptieren. Bei der Vorstellung des 100er Modells wurde jedenfalls eher Beifall als Protest laut. Immerhin scheint es für alle Beteiligten machbar, die Verleiher spielen mit, die genannten Summen sind realistisch, und es deckt 3.700 Leinwände ab. Die übrigen rund 1.100 spielen nicht permanent und fallen damit aus dem Modell. Auch ist es einfach zu erklären: die Virtual Print Fee wird an ein "virtuelles Kopierwerk" gezahlt, heißt, sie fällt da an, wo bisher ein Kopierwerk ins Spiel gekommen wäre. Also nicht bei Nachaufführungen, aber bei Startkopien, bei Erhöhung der Kopienzahl, bei Neuanfertigung von Kopien von Repertoirefilmen... das kapiert jeder.
Völlig neu gedacht werden muss dort, wo man bisher von Start- und Förderkopien sprach. 3D bleibt Luxus, den man selber finanzieren muss, das ist einsichtig. Ob nun der Staat auch die fehlenden 60 Mio. EUR beisteuert? Kinowelt-Kölmel hat da eine findige Idee: im Sinne der LOHAs über die Öko-Schiene argumentieren: 35mm-Kopien sind Sondermüll, und der entfällt jetzt. Klar, da hat er die Rechnung ohne die Energiekosten für Großrechner, Server und stärkere Projektorlampen gemacht. Aber das Argument hat was. Vielleicht fällt Vater Staat drauf rein, beim E10-Sprit hätte es ja auch beinah geklappt.

Die Umstellung beginnt, davon gehen die meisten jetzt aus, 2009. Wer zuerst drankommt und wie man dafür sorgt, dass die, die später dran sind, nicht zu spät dran sind, weiß noch keiner so genau. Bei der KINO 2009 wissen wir mehr.

Samstag, 19. April 2008

Hochstapler im Hunsrück

Das Pro-Winzkino hat aufgestockt! Ein Saal und ein größeres Foyer sind dazu gekommen. Wie man jetzt noch seinem Namen gerecht werden will...? Wir wünschen viel Erfolg, mögen beide Säle allzeit ausverkauft sein!

Danger of the reel world

Gleich zwei Veranstaltungen propagierten in der letzten Zeit "The end of the reel world", eine in Köln und eine in Berlin. Der taz-Artikel über die letztere bringt wenig Erhellendes zu Tage, wenn auch die Ansicht, dass Programmkinos (die eintige Avantgarde) in der weitgehenden Ablehnung des digitalen "Kinos" inzwischen eine quasi neokonservative Haltung einnehmen.

Das ist zugegebenermaßen nicht ganz von der Hand zu weisen. Wir wollen aber nicht vergessen, auf welchem Hintergrund das geschieht: Dort ist man immer noch bemüht, Film nicht nur von der technischen und ökonomischen Seite zu betrachten, sondern auch von der ästhetischen. Und manchem liegt eben an der warmen und lebendigen Ästhetik des 35mm-Films, auch wenn die heutige Kopienqualität nur noch wenig davon übrig gelassen hat. Unter Gesichtspunkten der Vernunft kann Kino nur noch digital sein - aber wer betrachtet das Kino schon als einen Raum der Vernunft?!

Mit den Tücken und Gefahren der "reel world" konfrontiert sah sich auch Jan Ackermann, der sich bei einem technischen Defekt im Umgang mit ein paar Kilometern 35mm-Film einige Blessuren geholt hat. Ganz nach dem Motto einer vor etwa zwei Jahren gelaufenen Kampagne: analoge Technik ist teuer und gefährlich - aber auch sehr sexy. Nur echte Helden tragen Narben!

Mittwoch, 16. April 2008

Heimkino, vergoldet

Da auch die Atlantikküste zur Zeit eher mit reichlich Regen denn mit strahlendem Sonnenschein bedacht wird, habe ich immerhin die Zeit gefunden, diverse Bücher zu verschlingen. Das einzige erwähnenswerte war ein Buch, in dem es um einen Drehbuchautor in Hollywood ging. Nicht, weil die Rede von Hollywood war, sondern weil sich der Autor einen Milliardär ausgedacht hat, der das einzig Richtige mit seinem Geld anfängt: Er läßt sich einen Filmstock von acht- bis zehntausend der besten Filme aller Länder, Zeiten und Regisseure zusammenstellen - natürlich auf Film, versteht sich! - und sorgt dafür, daß er diese jederzeit im passenden Rahmen genießen kann.
Vor dem privat-cineastischen Abenteuer allerdings steht die Erkenntnis des Drehbuchautors, was man mit Geld vermeiden kann.

Douglas Kennedy, Um jeden Preis
"Man hatte ein Privatkino in jeder Residenz. Nie mußte man eines dieser schrecklichen Multiplexe betreten oder so ein heruntergekommenes und verflohtes Programmkino... außer natürlich, man wollte sich mal einen Abend in primitiven Verhältnissen verlustieren."
So also sehen amerikanische Filmkunstkinos aus? Wohl wieder eine Frage der Perspektive... Also, Vorhang auf für den wahren Luxus:

"Nach dem Überraschungsdiner an diesem Abend (einer exquisiten Bouillabaisse aus der Pazifik-Küche, zu der ein ebenso erstaunlicher Au bon Climat-Chardonnay gereicht wurde) setzte ich mich allein in den Kinosaal und genoß eine Doppelvorstellung. [...] Statt Popcorn bracht mir Meg mal ein Tablett mit belgischen Pralinen, mal einen Bas Armagnac von 1985. [...]

Er [der spätere Milliardär] wohnte in einem Dreckloch Ecke 11th Street/First Avenue und verbrachte seine Freizeit wie ich vor allem im Bleecker Street Cinema oder im Thalia, im New Yorker oder sonst einem von diesen längst verschwundenen Lichtspielhäusern in Manhattan, die alte Filme wiederholten. So wurden wir Freunde - ständig liefen wir uns in diesen Flohkinos über den Weg, und wir stellten fest, daß wir beide es für völlig normal hielten, sich vier Filme pro Tag anzuschauen.
Na, jedenfalls war Phil seit jeder wild entschlossen zu diesem Autorenfilm-Kram, während es mein großer Traum war, eines Tages mein eigenes Kino zu haben und vielleicht ab und zu in einer dieser berühmten europäischen Filmzeitschriften erwähnt zu werden, in Sight and Sound oder Cahier du Cinéma. [...] Mein alter Kinokumpel... jetzt ein Multimilliardär!

Das Hauptarchiv befindet sich in einem Lagerhaus ganz in der Nähe seiner Residenz in San Francisco, aber in jedem seiner Häuser ist ebenfalls eine Abteilung untergebracht. Ich bin Leiter des fünfköpfigen Teams, das sich um das Hauptarchiv kümmert, aber ich begleite ihn auch auf allen seinen Reisen, damit ich ihm jederzeit zur Verfügung stehe, wenn er mich braucht. [...]

Man mußte schon ein absoluter Filmfreak sein, um seinen eigenen Vollzeit-Filmarchivar zu beschäftigen... noch dazu einen, den man ständig mit sich herumschleppte, nur falls man mitten in der Nacht das Bedürfnis verspürte, einen frühen Antonioni zu sehen, oder man einfach mal eben Eisensteins Theorie der Montagetechnik diskutieren wollte, während man den Sonnenuntergang hinter den Palmen von Saffron Island beobachtete. [...]

Also erschien ich Punkt neun Uhr abends im Kinosaal, ließ mich in einem der üppig gepolsterten Ledersessel nieder und balancierte eine mit Popcorn gefüllte Schale aus Steubenkristall auf den Knien. Das Licht erlosch - und der Projektor erwachte flackernd zum Leben."
Ach ja, hatte ich das noch nicht erwähnt? Das zitierte Heimkino befindet sich natürlich auf einer Insel, in der Karibik...

Suchspiel

Erinnert sich noch einer unserer Leser an den Eintrag vom letzten September, als der Umgang mit Kino in der französischen Touristen-Provinz erwähnt wurde? Nun, ich habe mich da noch einmal umgesehen. Der 24/24 DVD-Laden hat zu dieser Jahreszeit noch geschlossen - der Aufsteller mit den Filmtiteln muß gleichwohl den ganzen Winter draußen stehengeblieben sein, denn übrig sind nur ein paar wenige vergilbte Gesichter von Stars, die man im letzten Jahr noch kannte...

Im September schrieb ich in der irrigen Ansicht, kilometerweit weg von einem "richtigen" Kino zu sein - sprich, einem Zweckbau, um mal dieses unschöne Wort zur Klarstellung zu benutzen. Tatsächlich waren es nur acht Kilometer. Beim Gang durch die leere, verregnete Einkaufsstraße eines halbmondänen Badeortes, der schon zur vorvergangenen Jahrhundertwende, als das Kino noch neu war, den Gästen kleine Villen mit Namen wie "La Violette" Freude bereitete, fiel mir plötzlich ein eindeutiges Schild ins Auge: "CINEMA"!!!

Es bedurfte einiger weiterer Augenblicke, bis ich den dazugehörigen Eingang entdeckt hatte, denn zwischen dem Fremdenverkehrsbüro und einem kleinen Café verbargen sich die wenigen Filmplakate gut hinter den spiegelnden Glastüren. Ein Blick um die Ecke, und der langgezogene Bau verriet dann aber doch sehr deutlich das Kino.

Ein sozusagen an das ursprüngliche Haus angeklebtes Kino, steht zu vermuten. Das vordergründige Gebäude heißt übrigens "À la petite épicière" - Zur kleinen Krämerin. Angesichts der Titel, die hier gespielt werden, gar kein schlechter Zufall.

Sonntag, 13. April 2008

Kino-Demo!

Ob es am 68er Jubiläum liegt? Ich bin auf folgende Pressemeldung gestoßen:

"13.04.2008 | 10:34 Uhr

Hamburg (ots) - Im Rahmen der Initiative "Filmbefreier" demonstrierten Kinofans am 12. April in der Paderborner Innenstadt für artgerechte Filmhaltung und forderten: "Schau nicht weg! Geh ins Kino!" Der Initiator der Demonstration, das Cineplex Paderborn, wollte darauf aufmerksam machen, dass Filme auf die große Kinoleinwand gehören, nicht auf Handy-Displays oder Computer-Bildschirme."
Lanciert wurden Demo und Pressemeldung von ZKM.

Was für eine hinreißende Idee - so bringt man Kino ins Gespräch. Da sind ein paar Leute auf einem richtig guten Weg. Hoffentlich macht das Schule!

Samstag, 12. April 2008

Höllenritt im Plüschsessel

Neuer Kinotrend: Beim Ritt auf der Kanonenkugel wird der Zuschauer geschüttelt und gerührt, bis der Arzt kommt: die wilde verwegene Jagd des "Maximal-Adrenalin-Dosis-Kinos".


Und noch ein Anmerkung zum "analogen Kinoalltag in 1,3K": auf quick & dirty in Hundertschaften kopierte hier-rein-da-raus-Blockbuster mag das ja zutreffen. Aber in dieser Formulierung ist das ja so als wollte man sagen: weil im Billigflieger der Service schlecht und die Beinfreiheit knapp ist, kann man auch gleich Bus fahren.

Free Movie

ZKM hat die neue Kampagne "Filmbefreier" gestartet. Die Ausrichtung ist interessant: anstatt nostalgisches feel-good wie bisher setzt man jetzt ganz aufs Digitale-Substitutionsmedien-Bashing und spricht damit mehr als bisher Kids an als Familien und Best Ager. Mein persönlicher Sympathiefaktor gehört eher den alten Spots und Motiven, aber ich gehöre wohl auch eher nicht zur Zielgruppe.

Schön an der Kampagne ist das aktionistische Element mit T-Shirts und der Möglichkeit, eigene Spots einzusenden. Die bisherigen Inhalte wirken zwar eher ein bisschen sehr gewollt schräg und nerdig, aber mal sehen was noch kommt.

Was ein bisschen fehlt, ist die positive Konnotation fürs Filmtheater, die bisher zentrales Element war. Wenn man so will, liegt die stärkste Emotion wohl zwischen den beiden Kampagnen: Das Gefühl Kino einer- und der Hinweis auf die Einschränkungen kinofernen Film"genusses" andererseits. Mein Favorit sind da immer noc die Anti-Piraterie-Spots von "Narnia" und "Die Reise der Pinguine".

Montag, 31. März 2008

Scharlatan

Da waren wir nun also auf dem historischen Jahrmarkt, doch der "Original Kaiserzeitkinematograph" übertraf selbst unsere schlimmsten Befürchtungen. Gut, dass wir vorher mal kurz gefragt haben, denn so konnten wir uns den Besuch und das Live-Erlebnis der Enttäuschung ersparen. Gezeigt wurden ein Lumière-Film über den Kölner Dom, eine Humoreske und "The Great Train Robbery" - auf DVD. Begründung: diese Filme gebe es nicht auf 16mm.

Eine Aussage, die mir das Blut in Wallung brachte, denn insbesondere letzterer ist durchaus auf 16mm vorhanden - ich habe ihn oft genug vorgeführt. Es mag sein, dass diese Kopien nicht jedermann zugänglich sind, gut, akzeptiert. Aber angesichts der Tatsache, dass wir auch kaum einen Originalprojektor aus der Zeit erwartet hätten (wenn auch einen Filmprojektor, und sei es "nur" das erst in den 1920ern eingeführte 16mm), hätten es wohl auch andere Stummfilme getan als "original Kaiserzeit". Im alten Atlas-Fundus etwa gab es reichlich Laurel&Hardy, Buster Keaton, Harold Lloyd. Da wäre schon dranzukommen.

Schade, dass der Aufwand gescheut wurde, irgendeinen irgendwie ratternden Projektor mit irgendeinem Stummfilm zu besorgen - das wäre einem "Original Kaiserzeitkinematograph" sicher näher gekommen als Videos von Filmen aus der Kaiserzeit, die man halt in einem Zelt vorführt.

Und doch hatten wir noch ein Kinoerlebnis - beim Artisten an der schwankenden Laterne. Er erinnerte uns an die Laternenszene im Stummfilm "Dream of a rarebit fiend" (YouTube-Link hier!). Allerdings: ein Mann, der sich am oberen Ende einer Gummilaterne hampelnd mitsamt dieser aus rund drei Metern Höhe schreiend auf die Gesichter des Publikums zustürzt, schlägt jeden 3D-Kino-Effekt um Welten!

Montag, 24. März 2008

Schaurig

Da "Sweeney Todd" nicht wo- und wannanders zu kriegen war, haben wir uns mal Deutschlands ältestes Multiplex angeschaut, das UCI in Hürth bei Köln. Es wurde 1990 eröffnet und befindet sich inmitten eines jener Komplexe, die von außen alles mögliche sein könnten vom Fußballstadion bis zur Justizvollzugsanstalt und die nur von der Innenseite als urban entertainment center zu erkennen sind.

Wir betraten es vom Parkplatz aus durch einen unwirtlich nach kaltem Rauch
riechenden, zugigen Flur, der uns um mehrere Ecken und über eine Treppe ins Foyer führte. Dieses, auf drei oder vier Etagen angeordnet, ist riesig, fast sogar zu groß für "nur" 14 Säle. Die Kassen sind Glaskanzeln mit Gegensprechanlage und einem Geldfach, das selbst die Sparkassen und Postbanken vor mindestens 10 Jahren abgeschafft haben. Die Kassenanzeige schien unsere asiatischstämmigen Mitbürger anzusprechen, aber der Asiat befand sich auf der falschen Seite der Kasse und es war dann doch wohl nur ein Defekt des Displays.

Sauber war es, das muss man den Betreibern lassen, und wie selten darf man das über ein Großkino sagen. Dass das Haus "1999 frisch renoviert" wurde, wie die Homepage verkündet, ist a
ber leider feststellbar 8 oder 9 Jahre her. Die Polster der Sitze waren großenteils zerschlissen, und auch die Farbe war an mancher Ecke am Abblättern. Auch mit Feuerlöscherdiebstahl hat man wohl zu kämpfen, wie ein eher verzweifeltes Schild verlautbarte.

Äußerst überraschend war die Dimension des Saals: nicht kubisch und steil ansteigend, das Projektorfenster kurz oberhalb der Lehnen der letzten Reihe, wie es heute in den Plexen gängig ist. Nein, das Saalgefälle war flach, die Sitze in einer leichten Rundung eher amphitheatrisch angeordnet und das Projektionsfenster viele Meter über den Köpfen der Zuschauer auch der hintersten Reihe. Die Saalausstattung war technisch geprägt: Decke und Wände schmucklos in dunkelgrau, ohne stylische Lampen, die Leinwand ohne Vorhang.

Die Schärfe der Werbedias war infernalisch schlecht, die Filmvorführung an der Grenze des Akzeptablen, was außer uns keinen stören konnte, denn es war niemand da. Was erst auffiel, als wenige Sekunden nach Einsetzen des Abspanns das grelle Putzlicht aufblitzte und auf unseren Protestschrei ebenso plötzlich verlöschte wie es angegangen war. Immerhin ging das Saallicht erst nach Ende des Abspanns an, das ist wiederum selten. Beim Verlassen des Saals türmten sich im weitgehend verlassenen Haus die Müllsäcke und Altpapierberge zur Entsorgung an den Ausgängen.

Es war halt doch eine der "Filmabspielstätten", oder eher "Runternnudelstätten", in der die Worte "Vorführung" und "Publikum" irgendwie deplatziert wirken. Einfach laufen lassen und Süßkram verkaufen, das sollte nicht erst heute zu wenig sein.