Samstag, 16. Januar 2010

Turmfall zu Frankfurt

Seit Jahren angekündigt, soll es jetzt soweit sein: für Ende Juni ist die Schließung des Turmpalasts in Frankfurt geplant. Das Kino ist beileibe keins der schönsten, unser letzter Besuch ist länger her, damals war der Zustand aber mehr als traurig. Ich erinnere mich lebhaft an ein überheiztes winziges Schachtelkino mit geschätzten 27 Plätzen, mehr breit als lang, relativ wahllos um eine unmotivierte Stufe und eine Säule herum gruppierte zerschlissene Sitze, bis auf den Estrich durchgelaufenen 70er-Jahre-Teppich, eine winzige Leinwand und schlechten Ton. Wiederum lange davor war ich in einem Saal von durchaus vernünftiger Größe, der nur über eine Treppenflucht zu erreichen war. Auch dort habe ich eine eher verbrauchte Substanz in Erinnerung. Kann man auch so umschreiben: „Der Turmpalast ist eine liebenswerte Off-Location, die noch nicht aseptisch endbehandelt und keimfrei ist“, ist aber nach Abgleich mit den persönlichen Erinnerungen eher euphemistisch. Da von der Originalsubstanz (Eröffnung war glaube ich 1957, das müsste ich jetzt aber nachschlagen) innen praktisch nichts mehr übrig ist, stehen die Chancen für einen Denkmalschutz sehr, sehr schlecht.

Weil dort nur Originalfassungen gezeigt werden, hat der Turmpalast aber seine treuen Fans. Die OVs dürften auch der einzige Grund dafür sein, dass sich das frühere Ufa-Kino neben dem Metropolis-Multiplex überhaupt bis heute halten konnte. Sie gehören auch zur selben Kette.

Diese Fans haben sich jetzt aber auf Facebook organisiert, 4000 sollen laut FAZ-Bericht gegen Schließung und Abriss protestieren. In diesem Bericht klingt es ein bisschen nach Westend-Spekulanten-Protest: "Er wendet sich gegen den in Frankfurt angeblich verbreiteten Hang, durch umfangreiche Sanierungen oder Abriss gewachsene Quartiere derart 'aufzuwerten', dass sie ihren Charme und ihre kleinteiligen Nutzungen einbüßten." Stehen wir kurz vor einer Kinobesetzung? Reizvoller Gedanke.

Vielleicht muss es nicht der Turmpalast - oder was davon übrig ist - sein. Aber so ein Kino an dieser Stelle täte dem "Kleinen Times Square" auch weiterhin gut.

Ausverkauft!

Anderswo gibt es auch amüsante Kinoerlebnisse und Menschen, die unterhaltsam davon erzählen. Glaubense nich? Schaunse mal hier.

...rein! (?)

Na guuuut... dank wohlmeinender Leserzuschriften schaue ich mir Avatar an. Die bessere Hälfte von kinolabor hat sich allerdings dagegen entschieden. Wir werden Ihnen berichten, wer die weisere Entscheidung getroffen hat.

Sonntag, 10. Januar 2010

Näher dran

Und übrigens muss es nicht immer laut und bunt sein: Im Kino ist "Der dritte Mann" eine gleich nochmal so schöne und packende Erfahrung, egal wie oft man ihn schon im Fernsehen gesehen hat. Ich würde sogar so weit gehen, den Film jetzt zum ersten Mal "gesehen" zu haben.

Rein oder nicht rein...

...das ist hier die Frage. Seit Wochen quälen wir uns: Muss man "Avatar" wirklich gesehen haben? Nach den ersten Be- und Versprechungen musste man mutmaßen, "Avatar" sei der "2001" unserer Kinogeneration. Der dutzendfach gesichtete Trailer lässt anderes befürchten.

Nun bin ich auch kein großer "2001"-Fan, aber die 70mm-Vorführung der restaurierten Kopie im Frankfurter Filmmuseum war wirklich ein außergewöhnliches und mitreißendes Erlebnis. Der "Avatar"-Trailer hingegen verspricht einen gewöhnlichen Actionreißer mit recht üppigen Schauwerten, sehr offensichtlicher CGI und einem dünnen Plot. Ob das Wort Plot auf "2001" überhaupt angewendet werden kann, sei dahingestellt, aber Raum zur Interpretation und Spekulation ist ja auch ein Wert.

Nun, wir kämpfen mit uns. Über die Woche sammeln wir tapfer Motivation und Schaulust, die Woche für Woche samstag mittags bei Sichtung des Trailers und der (gut verkauften) Kinosäle zu einem "Ach, ich weiß nicht..." verpuffen. Letztes Schlüsselerlebnis war der Blick auf einen winzigen s/w-Kontrollmonitor hinter der Kinokasse. Solcherart seiner Aura beraubt, erinnerte der Film verdächtig an einen der 50er-Jahre-Monsterfilme mit Reißverschluss.

Der Kinogänger an sich sollte ja ein experimentierfreudiges Wesen sein, aber nach den Enttäuschungen der letzten Jahre, die mich in fast jedem Film befielen, der Schauwerte versprach, bräuchte es für "Avatar" schon eine Geld-zurück-Garantie. Früher rausgehen ist bei 3D-Aufschlag ziemlich unökonomisch, die einzige Alternative wäre drei Stunden ärgern, wenn es Schrott ist.

Apropos 3D-Aufschlag: solange die Kinokarte für einen 3D-Film 12 EUR an jedem Tag der Woche und zu jeder Tageszeit kostet, selbst Stadtteilkinos mit entsprechendem Equipment über 10 EUR verlangen können, der Nachschub an entsprechenden Filmen rollt und die Säle gut verkauft sind, sehe ich kein echtes Problem bei der Refinanzierung der Geräte.

Wir Filmwissenschaftler lesen ja gerne einen Film als Metapher für das Kino. Im Fall von "Avatar" hieße das, einem Lahmen mittels neuester Technik auf die Sprünge zu verhelfen, auf dass er zu seinen Ursprüngen zurückfinde. Das trifft ja in etwa auf 3D zu, das bis jetzt mehr eine Marketingwaffe als eine ästhetische Offenbarung ist. Zu denken sollte uns geben, dass Avatare an sich leblose Puppen sind...

Dass es anders geht, zeigt "Das Kabinett des Dr. Parnassus". Auch das ist ein Film mit einer sehr klassischen Geschichte und Figurenkonstellation, und er stellt seine ächzende und klappernde Theatermaschinerie deutlich zur Schau. Aber tut es mit Würde, Haltung und Charme, und vergleichbare Schauwerte hat das populäre Kino nur noch selten zu bieten. Anstelle einer Nachbildung und Erhöhung der Realität findet Gilliam zu geradezu Méliès'schen Kategorien zurück: die Effekte dienen wieder der Narration und nicht umgekehrt.

Schaffe, schaffe, Kinole baue

Unser "Außenkorrespondent" Friedrich vom Kino am Kocher hat uns auf folgende Nachricht aufmerksam gemacht:

Am 13. Dezember 2009 fand die letzte Vorstellung des Kino im Prinz-Max-Palais statt. Im März 2010 wird die Kinemathek das Studio 3 der Kurbel in der Kaiserpassage als neues Kino beziehen. Bevor es soweit ist werden im dortigen Foyer und im Kinosaal umfangreiche Renovierungs- und Umbauarbeiten durchgeführt, die hier kurz skizziert sind.

Architekturinteressierte werden ihre Freude dran haben.